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Das Auto als Gesamtkunstwerk thinkstockphotos.com -- Der Bugatti Atlantic
  • 19. August 2015
  • David Meininger
Bugatti

Das Auto als Gesamtkunstwerk

Bugatti ist eine der legendärsten Automarken Europas. Wirtschaftlicher Erfolg stand im Hintergrund, der Gründer wollte einzigartige Kunstwerke schaffen.

 

Die Geschichte der Marke Bugatti, ist nicht mit der von Mercedes oder Porsche zu vergleichen. Der Gründer, Ettore Bugatti, sah im Auto nicht nur ein Fortbewegungsmittel sondern ein einzigartiges Gesamtkunstwerk. Zu seinen Lebzeiten wurden lediglich 8000 handgefertigte Wagen produziert und dennoch  - oder gerade deshalb - gehört Bugatti zu den legendärsten Automarken Europas.

Ettore Bugatti – Gründer und Exzentriker

Künstler sind zumeist exzentrische und launenhafte Persönlichkeiten. Ettore Arco Isidoro Bugatti ist da keine Ausnahme. Der spätere Ingenieur wurde 1881 in Mailand geboren. Er entstammte einer italienischen Künstlerfamilie, sein Vater und Großvater waren Designer, Dekorateure und Architekten. Eigentlich solle Ettore dieser Tradition folgen, er entschied er sich jedoch früh für eine Ingenieurslaufbahn.

Bereits im Alter von 19 Jahren konstruierte Bugatti sein erstes Automobil. Für diese Konstruktion erhielt der junge Ingenieur erste internationale Anerkennung, da er einen Preis auf einer Automobilausstellung in Mailand gewann. Dadurch wurden vermögende Industrielle auf Bugatti aufmerksam. Einer davon war der elsässische Motorwagenhersteller Baron Eugène de Dietrich. Er beauftragte Bugatti mit der Entwicklung einer Baureihe. Doch zwei Jahre nach seiner Anstellung bei de Dietrich, erfolgte die Kündigung. Der elsässische Unternehmer kam nicht mit Bugattis Persönlichkeit und Eigensinnigkeit zurecht. Das sollte nicht die letzte geschäftliche Beziehung gewesen sein, die in Bugattis Leben in die Brüche ging.

Eröffnung der eigenen Fabrik

Der inzwischen verheiratete Ettore gründete am 1. Januar 1910, gemeinsam mit seinem Partner Ernest Friederich, seine eigene Automobilfabrik mit dem Namen „Automobiles Ettore Bugatti“. Eine alte Färberei im elsässischen Molsheim wurde zur Produktionsstätte einer der erfolgreichsten Automarken der nächsten 30 Jahre. Dabei ging es Bugatti nicht um die Massenproduktion von durchschnittlichen Wagen. Er entwarf Automobile mit perfekten Proportionen - Kunstwerke eben - ohne Rücksicht auf die technische Umsetzbarkeit zu nehmen. Seine Ingenieure verzweifelten teilweise an der Starrsinnigkeit ihres Vorgesetzten, der sich nur schwer überzeugen ließ.

Rennerfolge locken Kunden

Ettore Bugatti liebte die Geschwindigkeit. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Marke für ihre Renn- und Sportwagen bekannt ist. Die Ingenieure wagten sich auch an Limousinen und andere Luxuskarossen, der Schwerpunkt lag allerdings auf leistungsfähigen Rennmaschinen. Bei legendären Bergrennen wie Gaillon, Limonest oder am Mont Ventoux belegten Bugattis  vordere Plätze – manchmal saß Ettore selbst am Steuer. In den 20-er und 30-erJahren dominierten Bugattis die Rennsportszene. Der Type 35 ist der bis heute erfolgreichste Rennwagen der Motorsportgeschichte. Der wirtschaftlich erfolgreichste ist der Type 13, wegen seiner Erfolge beim gleichnamigen Rennen auch „Brescia“ genannt. Insgesamt 2.000 Fahrzeuge dieser Art wurden produziert und verkauft, das ist ein Viertel aller Bugattis überhaupt.  

Während sich die meisten Automobilbesitzer in diesen Jahren lieber chauffieren ließen, waren Bugattis die erste Wahl für Selbstfahrer. Vermögende Industrielle und Adlige, deren Leidenschaft der Rennsport war. Im Gegensatz zu anderen Herstellern, die ihre werkseigenen Rennteams unterhielten, schlug Ettore Bugatti zwei Fliegen mit einer Klappe: Er bot seiner Kundschaft Renn- und Straßensportwagen zum Kauf an, die durch ihre Teilnahme an Rennen den Ruhm der Marke mehrten.

Untergang und Wiederbelebung

Einfach hatte es Ettore Bugatti in all den Jahren nicht. Seine Starrsinnigkeit brachte das Unternehmen oftmals an den Rand der Insolvenz. Die Produktion der Bugattis erfolgte stets in Handarbeit und war ökonomisch betrachtet zu aufwändig. Für Ettore stand die Ästhetik über allem: Aufwendige technische Neuerungen akzeptierte er nicht, da sie seiner Vorstellung nach einfacher Funktionalität widersprach. Er fügte sich meistens erst, nachdem die Rennerfolge für seine Sportwagen ausblieben. Ähnlich kritisch war der Unternehmensgründer bei seinen Kunden. Waren ihm die Käufer nicht höflich oder demütig genug, ließ er das Geschäft platzen. Kein sehr rationales Verhalten, wenn man den wirtschaftlichen Wert eines jeden Autos bedenkt.
Trotz Ettores eigenwilliger Geschäftspolitik schien die Zukunft des Unternehmens gesichert zu sein. Bugatti hatte sich einen Namen gemacht, seine Automobile waren gefragter als je zuvor und er hatte mit Jean Bugatti - seinem ältesten Sohn - einen talentierten und bereits erfolgreichen Nachfolger. Ab 1936 übergab Ettore die Geschäfte an Jean Bugatti, der die künstlerischen Fähigkeiten seines Vaters geerbt hatte.

Zwei schnelle Schicksalsschläge läuteten das vorläufige Ende der Marke ein. Am 11. August 1939 verunglückte Jean Bugatti tödlich. Bei einer Testfahrt prallte der junge Geschäftsführer mit seinem Wagen gegen einen Baum und starb. Keine drei Wochen später begann der Zweite Weltkrieg. Die Nationalsozialisten übernahmen die Bugatti-Fabrik und nutzten sie zur Herstellung von Militärfahrzeugen.

Mit dem Kriegsende 1945 begann Ettore mit seinem zweiten Sohn, Roland Bugatti, den Wiederaufbau der Marke in Angriff zu nehmen. Er verstarb jedoch zwei Jahre später, sodass Roland auf sich allein gestellt war. Ihm fehlten das Glück und das Geschick seines Bruders. Die wenigen neuen Modelle setzten sich nicht durch, sodass sich das Unternehmen immer weiter verschuldete. Bis 1963 führte das Unternehmen dann noch Reparaturen und Umbauten alter Bugatti durch, bis die Marke mit Hispano-Suiza fusionierte.

Im Jahr 1998 kaufte die Volkswagen AG die Rechte, Autos unter dem Markenzeichen Bugatti zu bauen. Nach mehreren Verzögerungen kam 2005 dann der Bugatti Veyron 16.4 auf den Markt. Mit einer Leistung von 1001 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 407 km/h war der Veyron zu dieser Zeit der schnellste Sportwagen der Welt. 300 Modelle wurden bis 2012 produziert und verkauft. Wenn das zukünftig so weiter geht, wäre es wohl ganz im Sinne von Ettore Bugatti.