Derk Hoberg
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Besuch in der früheren Zigarren-Hochburg Tampa

Cigar City – Wo Tampa nach Tabak duftet

Mitten in Tampas historischen Stadtviertel Ybor City erhebt sich ein langgezogener Backsteinbau mit markantem Uhrturm. Die Einheimischen nennen ihn „El Reloj“ – die Uhr. Wer einige Meter tiefer durch die schweren Holztüren der traditionsreichen J.C. Newman Cigar Company tritt, betritt nicht nur die letzte aktive Zigarrenfabrik der USA, sondern auch ein lebendiges Stück amerikanischer Industriegeschichte. Zwischen alten Maschinen, dem Duft fermentierter Tabakblätter und erfahrenen Torcedores – den Zigarrenrollern – wird hier bis heute das Handwerk gepflegt, das Tampa einst zur Boomtown machte.

131 Jahre Firmengeschichte treffen in diesem Gebäude auf die Geschichte einer ganzen Stadt. Denn ohne Zigarren gäbe es das moderne Tampa in seiner heutigen Form vermutlich nicht. Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier gerade einmal rund 700 Menschen in einem kleinen Ort, der von Fischerei und Landwirtschaft geprägt war. Mit dem Aufstieg der hiesigen Zigarrenindustrie änderte sich alles: Innerhalb eines Jahrzehnts wuchs die Bevölkerung auf etwa 100.000 Einwohner. Rund 200 Zigarrenfabriken prägten damals Ybor City und West Tampa – heute ist nur noch eine einzige übriggeblieben: die J.C. Newman Cigar Company.

Von ungarischen Einwanderern zum amerikanischen Traditionsunternehmen

Die Geschichte beginnt 1895 in Cleveland, Ohio. Dort gründete Julius Caeser Newman – kurz J.C. – als Sohn ungarischer Einwanderer seine erste kleine Zigarrenproduktion. Während seine Familie aus dem Textilhandwerk stammte, faszinierte ihn die Welt des Tabaks. Seine Mutter erkannte früh seinen Ehrgeiz und finanzierte ihm einen Zigarrenroller, der ihm für drei Dollar im Monat das Handwerk beibrachte. Gerollt wurde zunächst im Keller des Elternhauses. Die ersten Zigarren verkaufte ein örtlicher Lebensmittelhändler mit überraschendem Erfolg.

J.C. Newman Cigar Company
J.C. Newman

Weil Newmans Zigarren qualitativ hochwertig, aber günstiger als die Konkurrenz waren, verkauften sie sich rasant. Aus dem Kellerbetrieb wurde schnell eine Fabrik: die „Modern Sanitary Cigar Factory“ – der Begriff „hygienisch“ war damals durchaus revolutionär. Viele Zigarrenroller verwendeten Speichel, um die Tabakblätter zusammenzuhalten. Newman entwickelte stattdessen eine pflanzliche Mischung aus Stärke, Öl und Wasser, die bis heute als natürlicher Kleber dient. Für die damalige Zeit war das eine enorme Innovation – und ein deutlich hygienischerer Weg, Zigarren herzustellen.

Warum Tampa zur Zigarrenhauptstadt wurde

1954 zog das Unternehmen schließlich nach Tampa. Der Schritt war strategisch klug: In Ybor City befand sich damals das Zentrum der amerikanischen Zigarrenindustrie. Gleichzeitig lag der Hafen nur wenige Minuten entfernt, ideal also für den Import von Tabak aus Kuba, Nicaragua, der Dominikanischen Republik oder Honduras. Dass der Umzug beinahe versehentlich gigantische Ausmaße annahm, gehört heute zu den Lieblingsgeschichten der Guides der noch aktiven Zigarrenfabrik, die Besucher durch die Manufaktur führen. J.C. Newman glaubte ursprünglich, lediglich eine Etage des Fabrikgebäudes gemietet zu haben. Sein Sohn Stanford stellte bei der Ankunft in Florida jedoch fest, dass der Vater versehentlich gleich das gesamte Gebäude gekauft hatte – fast 10.000 Quadratmeter Industriearchitektur inklusive. Das 1910 errichtete Gebäude gehörte zu den größten und modernsten Zigarrenfabriken seiner Zeit. Große Fenster an den Ost- und Westseiten sorgten für ausreichend Tageslicht, denn elektrische Beleuchtung war damals rar. Die Fabriken ähnelten sich bewusst: Arbeiter wechselten oft zwischen den Betrieben, um ihren Wochenlohn aufzubessern. Einheitliche Grundrisse erleichterten ihnen den schnellen Einstieg.

Eine Fabrik wie ein lebendiges Museum

Heute versteht sich die J.C. Newman Cigar Company nicht nur als Produzent, sondern auch als Bewahrerin einer Kultur. Deshalb wurde das Gebäude mit der markanten Uhr in ein dreistöckiges „Living Museum“ verwandelt. Besucher laufen durch historische Räume voller alter Zigarrenkisten, Etiketten, Maschinen und Mitarbeiterunterlagen. Besonders faszinierend ist der Keller des Gebäudes. Weil es 1910 noch keine Klimaanlagen gab, lagerte man den empfindlichen Tabak unterirdisch, wo Temperatur und Luftfeuchtigkeit stabiler waren.

Dort befindet sich heute auch eine der kuriosesten Entdeckungen der jüngeren Firmengeschichte: eine geheime Fluchttreppe aus Mafiazeiten. Damals wurden Zigarrenarbeiter wöchentlich bar bezahlt und stellten ein lukratives Ziel für Schutzgelderpresser dar. Der ursprüngliche Fabrikbesitzer ließ deshalb unter seinem Schreibtisch einen versteckten Knopf installieren. Betätigte er ihn, öffnete sich eine geheime Luke in den Keller und er konnte sich samt der Lohntüten für die Arbeiter verstecken. Jahrzehntelang blieb der Fluchtweg unentdeckt bis Bauarbeiter ihn bei Renovierungsarbeiten im Jahr 2020 zufällig wieder freilegten.

Zigarrenrollen als Kunstform

Wer die dritte Etage erreicht, erlebt die eigentliche Seele der Fabrik. Hier sitzen erfahrene Zigarrenroller an langen Holztischen und fertigen Premiumzigarren vollständig von Hand. Jeder Handgriff wirkt präzise und beinahe meditativ. Das Rollen einer hochwertigen Longfiller-Zigarre gilt als anspruchsvolles Kunsthandwerk. Schon das Innenleben – der sogenannte Filler – entscheidet darüber, ob eine Zigarre später gleichmäßig abbrennt. Wird der Tabak zu locker oder zu fest gerollt, zieht die Zigarre nicht richtig. Viele Roller benötigen rund ein Jahr, um nur eine einzige Zigarrenart perfekt herstellen zu können.

Die Werkzeuge wirken dabei erstaunlich schlicht: ein Holzbrett, Tabakblätter und die traditionelle Chaveta, ein halbmondförmiges Messer. Doch die Routine der Mitarbeiter verrät jahrzehntelange Erfahrung. Viele von ihnen stammen aus Familien, die seit Generationen in der Zigarrenindustrie arbeiten. Nach dem Rollen lagern die Zigarren bis zu 18 Monate im Aging Room der Fabrik. Dort entwickeln sie ähnlich wie Wein ihre Aromen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden exakt kontrolliert. Rund 50.000 bis 60.000 Zigarren befinden sich bei J.C. Newman gleichzeitig in diesem Reifeprozess.

Historische Maschinen und Millionen Zigarren

Während oben Handarbeit dominiert, rattert auf der zweiten Etage die industrielle Vergangenheit. Dort stehen gigantische Maschinen aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Sie funktionieren teilweise noch mit Luftdrucksystemen statt Elektrizität und bestehen aus über 10.000 Einzelteilen. Ersatzteile gibt es längst nicht mehr. Deshalb beschäftigt das Unternehmen eigene Spezialmechaniker, die die historischen Maschinen am Leben halten. Produziert werden hier sogenannte Shortfiller-Zigarren, bei denen klein geschnittener Tabak maschinell verarbeitet wird. Trotz ihres Alters produzieren die Maschinen noch immer gewaltige Mengen: Zwischen 41.000 und 65.000 Zigarren entstehen täglich im Werk in Tampa. Insgesamt fertigt das Unternehmen hier rund 13 Millionen Zigarren pro Jahr.

Die Kunst des Lesens in der Fabrik

Ein besonderes Kapitel der Zigarrenkultur sind die sogenannten Vorleser. Während die Arbeiter Zigarren rollten, wurden ihnen früher Bücher und Zeitungen vorgelesen. Literarische Klassiker wie „Der Graf von Monte Christo“ oder „Romeo und Julia“ inspirierten sogar bekannte Zigarrenmarken wie Montecristo oder Romeo y Julieta bei der Namensfindung für ihre Unternehmen. Die Vorleser hatten enormen Einfluss. Als sie später auch politische Schriften von Karl Marx oder Gewerkschaftstexte vortrugen, begannen Arbeiter zu streiken und bessere Arbeitsbedingungen einzufordern. Viele Fabrikbesitzer sahen darin eine Bedrohung und verbannten die „Lectors“ in den 1930er-Jahren aus den Fabriken. Bei J.C. Newman ging man einen anderen Weg. Die Eigentümerfamilie galt stets als ungewöhnlich arbeitnehmerfreundlich. Firmenpräsident Stanford Newman soll seine Mitarbeiter sogar besser bezahlt haben als die Gewerkschaften forderten. Viele sehen darin einen wichtigen Grund, warum das Unternehmen bis heute überlebt hat.

J.C. Newman Cigar Company

Vom letzten Kubatabak bis zu den ältesten Zigarren der Welt

Im historischen Zigarrenarchiv der Manufaktur in Tampa lagern wahre Schätze. Dort befindet sich unter anderem ein Ballen kubanischen Tabaks aus dem Jahr 1958 – der letzte Bestand vor dem Kuba-Embargo der USA. Besonders beeindruckend sind jedoch die wohl ältesten Zigarren der Welt. Sie stammen aus einem Schiffswrack vor der Küste South Carolinas und wurden ursprünglich 1857 gefertigt. Die Zigarren lagen in einer luftdichten Truhe verborgen und überstanden dadurch die fast zwei Jahrhunderte unter Wasser erstaunlich gut.

Zwischen Tradition und Moderne

Obwohl Tampa heute längst nicht mehr das Zentrum der Zigarrenindustrie ist, hält die J.C. Newman Cigar Company unbeirrt an ihrer Tradition fest. Gleichzeitig entwickelt sich das Unternehmen weiter. In Nicaragua betreibt die Familie inzwischen eine große Produktionsstätte mit bis zu 800 Mitarbeitern und produziert jährlich bis zu 45 Millionen handgerollte Zigarren.

Doch das Herz des Unternehmens schlägt weiterhin in El Reloj. Dort, wo historische Maschinen rattern, Tabak fermentiert und erfahrene Roller jede Zigarre wie ein kleines Kunstwerk behandeln, lebt ein Stück amerikanischer Geschichte weiter – mitten in Tampa.

Alle weiteren Informationen unter: J.C.Newman Cigar Co und Visit Tampa Bay

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