Bevor Naples zu einer der exklusivsten Adressen Floridas wurde, bevor Millionenvillen das Bild prägten und Yachten in der Bucht ankerten, war die Paradise Coast ein entlegener Rückzugsort für Abenteurer, Jäger und Erholungssuchende. Die stillen Zeugen dieser frühen Zeit stehen noch heute – in Form jener charmanten, teils unscheinbaren Cottages, die den Ursprung der Stadt markieren.
Ende des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Besucher nicht wegen Luxus, sondern der Natur: Man jagte Florida-Panther, Truthähne und Wildschweine, fischte im Golf von Mexiko und suchte Ruhe an nahezu unberührten Stränden. Die Anreise war beschwerlich. Die Tamiami Trail Road Richtung Süden wurde erst 1929 fertiggestellt, die Eisenbahn erreichte Naples 1919. Baumaterialien waren rar – also nutzte man, was die Umgebung hergab.
Viele der frühen Cottages entstanden aus Sumpfzypressen, einer heute geschützten Zypressenart, die Wasser liebt und von Termiten gemieden wird – ein ideales Baumaterial für das vorherrschende Klima. Auch die Fundamente erzählen Geschichte: Statt Beton kam sogenanntes „Tabby“ zum Einsatz, eine Mischung aus gemahlenen Muschelschalen, Sand, Wasser und Steinen. Elektrizität gab es nicht, und die Hitze bestimmte den Alltag. Deshalb lagen die Küchen außerhalb der Häuser. Innen sorgten Kamine für Wärme an den überraschend kühlen Winterabenden Floridas.

Dächer als Wegweiser
Straßennamen und Hausnummern? Fehlanzeige. Stattdessen waren die Dächer farbig gestrichen oder mit Mustern versehen. Gäste fanden ihr Ziel, indem sie nach dem „gelben Schachbrettdach“ oder dem „grün-weiß gestreiften Haus“ Ausschau hielten. Diese Dachmuster leben heute noch in Details wie Markisen weiter – etwa an der Palm Cottage, dem ältesten erhaltenen Gebäude von 1895. Trotz schwerer Schäden durch Hurrikan Ian konnte das Gebäude wiedereröffnet werden – ein Beweis für die Widerstandskraft des alten Zypressenholzes. Heute ist Palm Cottage nicht nur Museum, sondern Veranstaltungsort für Hochzeiten, Vorträge und Begegnungen.

Bedrohtes Erbe
So idyllisch die Cottages wirken, ihr Fortbestand ist fragil. Sie stehen nicht unter Denkmalschutz. Ein Cottage mit rund 1.100 Quadratmetern Wohnfläche kostet etwa 2,3 Millionen Dollar – und kann theoretisch am nächsten Tag abgerissen und von einem Neubau ersetzt werden. Ein Bildband aus den 1990er-Jahren dokumentierte einst die letzten 100 Cottages von „Old Naples“. Heute existieren nur noch rund 40 davon.

Die Cottages an der Paradise Coast erzählen von Pioniergeist, Improvisation, gesellschaftlichem Wandel und dem fragilen Gleichgewicht zwischen Bewahren und Profit. Inmitten von Luxus und Neubau erinnern sie daran, dass Naples einst ein Ort der Einfachheit war – gebaut aus Muscheln, Holz und der Idee, dem Alltag zu entfliehen.

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Weitere Informationen: paradisecoast.com



















