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Rockavaria oder „Rockawaterloo“? Derk Hoberg
  • 01. Juni 2015
  • Derk Hoberg und Stefan Mayr

Rockavaria oder „Rockawaterloo“?

Man möchte meinen, der Münchner Olympiapark sei wie gemacht für ein Musikfestival wie Rockavaria: Stadion, Halle und genug Platz für eine weitere, dritte Bühne. Das Wetter und das Band-Line-Up sollten ihr Übriges zu einem gelungenen Open Air beitragen. So weit, so gut - wenn da mal nicht die vielen Kinderkrankheiten wären.

So viel sei vorweg genommen: An den Bands, insbesondere an den Headlinern Muse, Kiss und Metallica liegt es nicht, dass unsere Bewertung der Rockavaria-Premiere im Münchner Olympiapark an den vergangenen drei Tagen eher durchwachsen ausfällt. Die drei Musikgrößen spielen in der bayrischen Landeshauptstadt gekonnt ihre Erfahrung aus und kommen besonders im Falle von Metallica kraftvoll wie eh und je daher. Aber auch auf die Crossover-Heroen von Faith No More und Incubus sowie Metal-Größen wie Judas Priest, Testament oder Kreator ist Verlass.

Hardcore im Sitzen

Die Gallows - ©www.rockavaria.deDie Karte aus der Gesäßtasche haben hingegen Hardcore-Bands wie Sick of it all und auch die Gallows gezogen, die allesamt auf der kleinsten Bühne, dem Theatron, platziert werden. Nicht nur, dass dieses immer wieder wegen Überfüllung und aufgrund der Auflagen der Behörden geschlossen wird, auch das Stehen auf den Stufen des Amphitheaters ist hier verboten – auch wenn Bands wie Anti-Flag das einfach ignorieren, die die Meute direkt zum Aufstehen anstacheln. Vor der Bühne gab es nur einen schmalen Streifen für moshfreudige Zuhörer. Immerhin freut sich Gallows-Frontmann Wade MacNeil einigermaßen aufrichtig, dass er so überraschenderweise einmal zu einem Konzert vor sitzendem Publikum kommt – und besucht dieses auch sogleich samt Mikrofon und Gitarrist und macht so noch das Beste aus der ungewöhnlichen Situation.

Und während die Theatron-Bühne hin und wieder geschlossen wird, herrscht in der direkt danebengelegenen Olympiahalle allzu oft gähnende Leere. So verlieren sich die mit ihren auffälligen Turbojugend-Kutten bekleideten Turbonegro-Jünger dort geradezu vor der Bühne.

Aber auch der gemeine Zuschauer an sich erlebt so manch unschöne Überraschung bei Rockavaria. Keine Toiletten im Innenraum des Stadions. Einziger Ausweg: Die Treppe nach oben auf der Südseite, die gleichzeitig auch der einzige Weg überhaupt ins Stadioninnere ist. Die per Anzeigetafel verbreitete Bitte, sich dann doch auch auf die Nordseite der Bühne zu stellen, bleibt so, angesichts des von dort aus weiten Weges zum stillen Örtchen auf der Südseite, eine immerhin gut gemeinte Idee des Veranstalters.

Schlecht informiert fühlt sich auch eine Besucherin, die an Asthma leidet und uns im Gespräch verrät, dass sie sich im Vorfeld solcher Veranstaltung gerne informiert, an welchen Orten Sanitäter stehen. Laut offiziellem Festival Guide findet man diese hier bei Rockavaria nur an einem Ort – in der Mitte, zwischen Halle und Stadion. „Wo aber stehen die im Stadion-Innenraum, das muss auf einem solchen Plan auch stehen“, beschwert sie sich und zeigt auf, dass auch in Sachen Sicherheit noch Luft nach oben ist. Immerhin: Die Angestellten sind hilfsbereit und auch mal zu Scherzen aufgelegt.

Metal-Idylle in München

Bei all der Kritik hat Rockavaria auch seine schönen Momente. Neben internationalen Besuchern kommen zahlreiche Fans entweder direkt aus München oder aus dem näheren Umland und pendeln an den drei Tagen von zu Hause aus zu den Konzerten. Eine wohltuende Nachtruhe im eigenen Bett ermutigt dementsprechend auch diejenigen, die sich ansonsten zu alt für ein mehrtägiges Musikfestival samt feuchtkühler Nächte im Zelt fühlen, hier mitzurocken. Das sorgt für ein buntgemischtes und vor allem entspanntes Publikum aller Altersgruppen mit dem gemeinsamen Nenner, möglichst viele Tattoos am eigenen Körper unterzubringen.

©www.rockavaria.deBei aller Idylle, die die Kombination aus Fans mit Faible für Körperverzierungen und dem Olympiapark samt See bietet: Immer wieder hört man bei den Besuchern die Kritik an der Organisation heraus und sei es nur, „dass der Bierbecher aus der Halle nicht im Stadion abgegeben werden kann“ oder, dass die „Stadionbühne nicht in der Kurve, sondern in der Mitte der Geraden steht“, was wiederum die Sicht der äußeren Zuschauer auf die Bühne erschwert. In vielen Fällen typische Kinderkrankheiten einer Premiere und auch den Auflagen der Behörden geschuldet.

Mit insgesamt knapp 49.000 Besuchern täglich war Rockavaria jedenfalls kommerziell erfolgreich genug, um nächstes Jahr in die zweite Runde zu gehen, wie die Veranstalter der Deutschen Entertainment AG (DEAG) und der Global Concerts GmbH offiziell bekanntgeben. Bis 2016 sollten sich die Veranstalter die Kritik der Besucher zu Herzen nehmen und einige Todos auf ihrer Liste abhaken. Zum Beispiel für längere Feiermöglichkeiten auf dem Gelände sorgen oder die Ansteh-Problematik vor dem Theatron ausmerzen. Ansonsten bleibt das Festival in München nämlich eher ein Missverständnis.