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Vivienne Westwood – "Punk war für mich eine reine Fingerübung" Froncois Durand/Getty Images
Mode&Design

Vivienne Westwood – "Punk war für mich eine reine Fingerübung"

Die Modedesignerin Vivienne Westwood gehört zu den sechs einflussreichsten Modemachern unserer Zeit. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schaffte sie es mithilfe ihres Punk-Images und ihrem Ehrgeiz bis ganz nach oben.

Es braucht nur einige Kleidungsstücke ihrer Modelinie, gespickt mit einzigartigem Textilgewebe, selbstkreierten Karos und exzentrischen Silhouetten, um die Geschichte der als Queen of Punk berühmt gewordenen Modedesignerin zu erzählen. 2011 feierte Vivienne Westwood ihren 70. Geburtstag, doch was den Rotschopf jung hält, ist nicht nur die Beziehung zu ihrem 25 Jahre jüngeren Ehemann. Vielmehr ist es der Wille, sich ständig neu zu erfinden. Ihr soziales und politisches Engagement reichen weit über ihre Berufung hinaus – Vivienne Westwood ist Stilikone und Inspiration zu gleich.

Es begann mit dem Unterricht von Grundschülern

1941 als Vivienne Isabel Swire in Glossop, einer Kleinstadt der englischen Grafschaft Derbyshire, geboren, zog sie 1958 mit ihrer Familie nach Harrow, einem heutigen Stadtbezirk von London. Dort betrieb die Familie – ganz bürgerlich – eine Postfiliale. Zuvor übte die Mutter, Dora Ball, den Beruf der Weberin aus, deren Einflüsse noch heute in Westwoods Mode einfließen. Der Vater, Gordon Swire, entstammte einer Schuhmacherfamilie. Vivienne belegte nur ein Semester lang Kurse der Mode und Silberschmiedekunst an der Harrow Art School, verfolgte die musische Ausbildung aufgrund ihrer Herkunft vorerst aber nicht weiter. Nach einer anschließenden Berufsausbildung unterrichtete sie an einer Grundschule im Norden Londons. Als Lehrerin arbeitete Westwood bis 1971.


Wie sie ihre Berufung zur Modedesignerin wieder einholte

Aus der ersten Ehe mit dem Werkzeugmacher Derek Westwood (1962) stammt ihr erster Sohn Benjamin Arthur. Die Ehe scheiterte nach nur drei Jahren. Daraufhin lernte sie den späteren Künstler, Modemacher und Musikmanager (Sex Pistols) Malcom McLaren kennen. Mit ihm bekam sie 1967 einen weiteren Sohn, Joseph Ferdinand Corre. In dieser Zeit brachte sich Westwood – zunächst aus praktischen Gründen – das Nähen und Schneidern von Kleidungsstücken selbst bei. Bis heute blieben ihr diese Neugier und der Schaffensdrang erhalten. Die Beziehung mit McLaren und die Hippiebewegung der sechziger Jahre sollten ihr weiteres Schaffen prägen.

Vivienne Westwood: Die Queen of Punk

Die erste Londoner Boutique öffnete das stilsichere Paar bereits 1971 unter dem Namen „Let it rock at Paradise Garage“, die zweite widmeten sie der Schauspiel-Ikone James Dean unter dem Namen „Too Fast To Live, Too Young To Die“, die später zu einem Sexshop („SEX“) umfunktioniert wurde. Westwood verstand es, ihre Weltanschauung in dem Auszudrücken, was sie bewegte und beeinflusste. Ihre Mode, ihre Boutiquen: Ein Spiegel ihrer Seele, Ausdruck ihrer Kunst. Während sie McLaren in den ersten Jahren ihrer Arbeit unterstützte, nahm sie Anfang der achtziger Jahre das Ruder selbst in die Hand, 1983 trennte sich Westwood von dem provokanten Manager. 2010 starb McLaren schließlich an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung.

Westwood-Kollektionen: Ihre Mode

Zu seiner Beerdigung erschien Westwood mit einem provokanten Stirnband mit der Aufschrift „CHAOS“. Mit dem Titel „Queen of Punk“ will die Designerin schon lange nicht mehr in Verbindung gebracht werden: „Ich habe Besseres zu tun, als alten Ideen nachzuhängen. Punk war für mich eine reine Fingerübung“, kommentierte sie ihre Vergangenheit einst in einem Interview. Und Westwoods Mode? Ihre erste professionelle Kollektion entwarf, schneiderte und präsentierte sie im Jahr 1981 unter dem Namen „Pirates“. Danach folgten weitere opulente Westwood-Kollektionen, die durch historische als auch ethnische Einflüsse bestachen. 1997 inszenierte sie sich in ihrer „Five Century ago“-Kollektion als Elisabeth I, ausdrucksstark und höhst feminin. Seitdem steht Vivienne Westwood durch ihren Stil in der Frauen-Mode für mehr Erotik und für mehr Androgynität bei den Männern.

Dennoch verhalfen die Jahre ihres Punk-Images zum Durchbruch ihrer Modekarriere. Westwood verarbeitete in ihren Werken nicht nur Sicherheitsnadeln und Rasierklingen, sondern auch Fahrradketten und Hühnerknochen. Für die Sex Pistols entwarf und schneiderte sie Sado-Maso-Kostüme, was ihr die Aufmerksamkeit der Medien und bekannter Modehäuser wie Versace und Gautier sicherte. Nachdem sich Westwood von McLaren getrennt hatte, ging ihre Mode mehr und mehr in den Mainstream über, was die Designerin damit begründete, dass es ihr missfiel, ständig Ärger zu machen. Zudem entwarf Westwood Uhren für Swatch und Teegeschirr für Wedgwood.

Die Westwood und das Königshaus

1992 wurde sie zum „Offizier des britischen Empire“ ernannt und sorgte vor dem Kensington-Palast für einen unfreiwilligen Striptease, als sie ihren Rock für die Fotografen schwang und damit vermeintlich versehentlich offenbarte, dass sie kein Höschen darunter trug. Das hinderte die Queen jedoch nicht daran, die Modeikone 2006 in den Adelsstand zu erheben. Schließlich war sie über den damaligen Ausrutscher von Westwood „very amused“. Für die Schwiegertochter der englischen Königin, Kate Middelton, entwarf sie – wie erst vermutet – jedoch kein Brautkleid. Der Grund: Kate fehle der Mut für ihre Kreationen. Daher wartet die Westwood, „bis sie in puncto Styling ein bisschen aufholt“.

Gestatten, Professor Vivienne Westwood

Zudem lehrte Westwood als Professorin dreizehn Jahre lang an der Berliner Hochschule der Künste. 2005 feierte sie das Ende ihres Lehrauftrages zusammen mit den Absolventen des Jahrgangs in der Abflughalle des Berliner Flughafens Tempelhof. Bereits Ende der achtziger Jahre wurde sie als Gastprofessorin für drei Jahre an die Universität für angewandte Kunst nach Wien berufen, wo sie den Studenten Andreas Kronthaler kennenlernte und 1992 heiratete. Der Altersunterschied? Für Westwood kein Problem: „Eine jüngere kann er haben, aber keine interessantere.“ Nach ihm benannte sie ein selbst kreiertes Karomuster „Mac Andreas“, was sie natürlich patentieren ließ.

Noch heute lebt Westwood mit dem Tiroler in England, in einem Haus, das einst Captain Cooks Mutter gehörte. Zuvor lebte sie dreißig Jahre in einer Sozialwohnung, in sehr bescheidenen Verhältnissen, bis Kronthaler sie zum Umzug in das historische Anwesen bewegte. Westwood setzt sich immer wieder für soziale und politische Ungerechtigkeit ein, was sie in künstlerischen Protest-Bewegungen zum Ausdruck bringt. 1989 wurde Vivienne Westwood, neben Yves Saint Laurent, Emanuel Ungaro, Giorgio Armani, Karl Lagerfeld und Christian Lacroix zu einem der sechs wichtigsten Modemacher unserer Zeit erkoren. Sie gilt als die führende Institution von Mode „made in England“.